Sucht (Alkohol)

Teil 06: Die Doppeldiagnose (Sucht, Depression, Angst)

Kapitel 16: Achtsamkeit im Alltag

– Mikro-Praktiken gegen Suchtdruck, Angst und depressive Lähmung –

Von 20. März 2026

Bei Depressionen fehlt oft die Kraft für große Veränderungen, bei Angststörungen fehlt die Ruhe. Mikro-Praktiken sind „Anker“, die du in den Alltag einbauen kannst, ohne dich zu überfordern. Sie dienen dazu, das Gehirn aus der Negativspirale (Depression) oder der Übererregung (Angst) zu lösen. 

1. Das „S.T.O.P.“-Prinzip (Der Akut-Anker) 

Wenn du merkst, dass der Suchtdruck kommt oder die Angst zu dominieren beginnt, nutze dieses Akronym: 

  • S (Stop): Halte sofort inne. Unterbreche die physische Handlung (z.B. den Weg zum Kühlschrank oder zum Geschäft). 

  • T (Take a breath): Atme tief und bewusst ein und aus. Das ist die biologische Bremse für dein Nervensystem. 

  • O (Observe): Beobachte: Was fühle ich gerade im Körper? (Herzrasen, Enge in der Brust, „Druck“ im Kopf). Was denke ich gerade? (Bewerten: „Ich bin schwach“ -> Beobachten: „Da ist ein Gedanke an Schwäche“). 

  • P (Proceed): Handle bewusst. Wähle eine neue, gesunde Aktion (z.B. ein Glas Wasser trinken, eine Runde spazieren gehen). 

2. Die „5-Minuten-Präsenz“ gegen depressive Lähmung 

Depression führt oft dazu, dass man sich im „Gestern“ (Reue) oder „Morgen“ (Hoffnungslosigkeit) verliert. Die Mikro-Praxis holt dich ins Hier und Jetzt: 

  • Fokussiertes Tun: Wähle eine triviale Tätigkeit (Geschirr abwaschen, Zähneputzen, eine Blume gießen). Konzentriere dich ausschließlich auf die Sinneswahrnehmung: Die Wärme des Wassers, das Geräusch des Geschirrs, die Textur des Blattes. Wenn Gedanken über „alles ist sinnlos“ aufkommen, kehre sanft zum Sensorischen zurück. Das trainiert das Gehirn, aus dem „Grübel-Modus“ auszusteigen. 

3. „Angst-Surfen“ (Achtsamkeit bei Panik) 

Anstatt gegen die Angst anzukämpfen (was sie nur stärker macht), lerne, sie wie eine Welle zu surfen: 

  • Benennen: Sage dir leise: „Das ist Angst. Mein Körper schüttet gerade Adrenalin aus. Das ist unangenehm, aber nicht lebensgefährlich.“ 

  • Ausdehnen: Atme in das Gefühl hinein, anstatt es wegzudrücken. Beobachte die Welle: Wo steigt sie auf? Wo ebbt sie ab? Indem du zum „wissenschaftlichen Beobachter“ deiner eigenen Panik wirst, verlierst du die emotionale Identifikation mit ihr. 

4. Anker-Momente in den Tagesplan einbauen 

Verknüpfe Achtsamkeit mit bestehenden Gewohnheiten, damit sie nicht „noch eine Aufgabe“ auf deiner Liste ist: 

  • Das erste Glas Wasser: „Ich trinke dieses Glas jetzt achtsam und spüre die Kühle.“ 

  • Das Ankommen an der Haustür: „Bevor ich die Wohnung betrete, halte ich 30 Sekunden inne und atme dreimal tief.“ 

 

Reflexionsfragen zu Kapitel 16 

  • Welche Mikro-Praxis (S.T.O.P., sensorisches Fokusieren, Angst-Surfen) fühlt sich für dich am wenigsten nach „Arbeit“ an? 

  • Gibt es eine alltägliche Routine (z.B. Kaffeekochen), die du ab morgen in einen „Achtsamkeits-Anker“ verwandeln kannst? 

  • Wie fühlt es sich an, den Gedanken der „depressiven Lähmung“ durch eine 5-minütige sensorische Tätigkeit zu unterbrechen? 

 

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